Schlüsseltechnologien in Europa halten!

Brigitte Ederer
FEEI-Präsidentin Brigitte Ederer

Fortschritt ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch der politischen Rahmenbedingungen. Nur mit einer weitsichtigen Industriepolitik führt der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu mehr Wachstum und Wohlstand in Europa, meint FEEI-Präsidentin Brigitte Ederer.

Daten als "Schmiermittel" der Weltwirtschaft

Es gibt derzeit wohl niemanden, der das Gefühl nicht teilen würde, die Welt befände sich in einem grundlegenden Wandel. Vor allem die rasend schnellen technologischen Fortschritte – von Artificial Intelligence bis zur Nanotechnologie – verändern jeden Lebensbereich radikal. Nicht von ungefähr erkor das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ kürzlich den Rohstoff Daten zum neuen „Schmiermittel“ der Weltwirtschaft, wertvoller als Erdöl. Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie mit ihrer hohen Innovationskraft steht an der Spitze dieser industriellen Revolution, entwickelt sie doch die Schlüsseltechnologien und Lösungen der Zukunft und schafft damit das ökonomische Fundament für Wohlstand und Sicherheit. Wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, zog technologischer Fortschritt stets auch mehr wirtschaftliche Prosperität für breitere Teile der Gesellschaft nach sich. Innovative, weltweit erfolgreiche Unternehmen, wie wir sie in der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie zahlreich vorfinden, sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Österreichs und Europas internationale Wettbewerbsfähigkeit hängen maßgeblich vom Hightech-Sektor ab. Technologie spielt praktisch in jeder Branche eine entscheidende Rolle, denn Maschinen, Produkte und Netzwerke werden immer intelligenter.

Prognose: IKT-Industrie in Europa

Erfolg und Innovation bedürfen jedoch passender Rahmenbedingungen, die erfolgreiches Wirtschaften am Standort Österreich und Europa nachhaltig ermöglichen. Die wirtschaftspolitische Realität in Europa sieht derzeit aber anders aus. Ausgerechnet bei den Spitzentechnologien verliert Europa sukzessive an Terrain: Einer Studie der renommierten Beratungsfirma A. T. Kearney zufolge werden im Schlüsselbereich Informations- und Kommunikationstechnologien nur noch 24 Prozent der weltweiten Umsätze durch europäische Unternehmen generiert, Tendenz fallend. Nur sieben der 100 global führenden Hightech-Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Europa. Nur zwei europäische Unternehmen spielen bei Patentanmeldungen im Hochtechnologiebereich eine nennenswerte Rolle.

IoT

Das Internet of Things (IoT) ist ebenfalls eine wegweisende Entwicklung für die Zukunft und eröffnet fantastische Möglichkeiten – für jene, die es schaffen, sich an der Spitze zu halten bzw. an das Spitzenfeld aufzuschließen. IoT-Basistechnologien wie Sensorik und Leistungselektronik sind Stärkefelder der europäischen Industrie und werden in forschungsintensiven Unternehmen auch in Österreich entwickelt.

Ungleiche Spielregeln

Das Wettrennen wird global geführt, jedoch nach Spielregeln, die nicht für alle gleich sind. 2015 verabschiedete etwa die chinesische Regierung ein weitreichendes industriepolitisches Strategiepapier mit dem richtungsweisenden Titel „Made in China 2025“. Dieses sieht vor, das Land mit 1,4 Milliarden Menschen innerhalb von zehn Jahren in zehn Schlüsseltechnologiebereichen an die Weltspitze zu führen und nationale Champions hervorzubringen. Einerseits, um damit am Heimmarkt westliche Produkte durch chinesische zu ersetzen, und andererseits, um auf dem Weltmarkt zu reüssieren. Gelingen soll das unter anderem in der Industrieautomation, der automotiven Industrie, der Energietechnik, der Bahnindustrie und der Informations- und Kommunikationstechnologie. 

Übernahme von europäischen und amerikanischen Hightech-Unternehmen

Die technologische Lücke zum Westen wird vor allem durch die Übernahme europäischer und amerikanischer Hightech-Unternehmen durch chinesische Firmen geschlossen, wie in den letzten beiden Jahren vermehrt zu beobachten war. Um nicht weniger als 20 Milliarden Euro haben allein 2016 namhafte europäische Technologieführer so den Besitzer gewechselt. Insgesamt budgetiert die Führung in Peking bis 2025 300 Milliarden US-Dollar für ihr ehrgeiziges industriepolitisches Entwicklungsprojekt, das letztlich auch Chinas weltpolitischem Aufstieg dient. „Made in China 2025“ sieht in einzelnen Bereichen einen Marktanteil heimischer Firmen von 70 bis 80 Prozent vor – etwa bei Industrierobotern oder Fahrzeugen mit neuartigem Antrieb. Damit könnte die Volksrepublik als allein aufgrund ihrer Größe besonders attraktiver Markt für internationale Unternehmen weitgehend verloren gehen.

Protektionistische Tendenzen unter dem Slogan „America First“ sind allerdings auch in den USA, dem für europäische Hersteller immer noch wichtigsten Exportmarkt, zu beobachten. Diese Entwicklungen erfordern unsere erhöhte Aufmerksamkeit und eine starke und mutige Industriepolitik in Europa, nicht zuletzt vor dem Hintergrund immer ungleicherer Spielregeln im internationalen Wettbewerb. Natürlich sind ausländische Investitionen in einer freien Marktwirtschaft wünschens- und erstrebenswert. Allerdings dürfen sie nicht einseitig mit staatlicher Unterstützung finanziert werden, und für europäische Unternehmen müssen entsprechend dem Reziprozitätsprinzip die gleichen Chancen auf den ausländischen Märkten gegeben sein. Der in der derzeitigen Praxis übliche Technologietransfer bei Übernahmen und Investitionen schwächt die Unternehmen zusätzlich.

Strategie der EU

2009 verabschiedete die Europäische Kommission eine Strategie, um zukunftsweisende „Key Enabling Technologies“ zu stärken und weiterzuentwickeln. Konkret handelt es sich um sechs Technologiebereiche, die wissensbasiert, forschungs- und kapitalintensiv sind, schnelle Innovationszyklen aufweisen und hochqualifizierte Fachkräfte benötigen: Nanotechnologien, Mikro- und Nanoelektronik, Biotechnologie, Photonik, neue Werkstoffe und Industrie 4.0. In diesem Zusammenhang bedarf es auch eines kritischen Blicks der Verantwortlichen auf die Merger-Aktivitäten der vergangenen zwei Jahre. Wie das Beispiel des Halbleitermarkts zeigt, sind 2017 nur noch zwei europäische „Global Player“ übrig. Europa muss, wie der deutsche Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig gegenüber der „Zeit“ erklärte, eine offene Marktwirtschaft bleiben, darf aber diesen jüngsten Entwicklungen nicht arglos gegenüberstehen und tatenlos zusehen. Wenn Europa seine Entscheidung, die oben genannten Schlüsseltechnologien mit hoher lokaler Wertschöpfung zu fördern, bekräftigt, sind starke Signale notwendig – in Richtung eines reformierten innereuropäischen Wettbewerbs- und Beihilfenrechts, aber auch industriefreundlicher Forschungsförderung. Auch wenn Unternehmen unmittelbar von ausländischen Investitionen profitieren, muss die EU Mechanismen entwickeln – vor allem in den Bereichen Technologietransfer, sicherheitspolitische Interessen und Standortsicherung – um langfristige Auswirkungen zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben.

 

Weitere Presseaussendungen: 

Hochleistungsbranche Elektro- und Elektronikindustrie: Produktion wuchs 2016 um 7,1 Prozent auf Rekordhoch

Forderungen an europäische Industriepolitik