Offener Brief

Pressemeldung vom 30.06.2015

Sehr geehrte Redaktion des Ö1-Radiodoktors!

In der Ö1-Sendung „Radiodoktor“, vom 24.6.2015 haben Sie einen Beitrag mit dem Titel „Handystrahlen - Risiko für bestimmte Gehirntumoren erhöht?“ ausgestrahlt. Da Sie einerseits über die Meinung zweier Protagonisten berichten und nicht über das Thema Mobilfunk und Gesundheit selbst und andererseits die Sendung Radiodoktor über eine hervorragende Reputation mit einer sehr definierten Hörerschaft verfügt, senden wir unsere Stellungnahme auch als offenen Brief via OTS aus:

Sie lassen in Ihrem Radiobeitrag ausschließlich Dr. Hutter und Dr. Sherif zu Wort kommen. Die  Tatsache, dass sich auch die Weltgesundheitsorganisation mit dem Thema ausführlich in drei veröffentlichten Factsheets beschäftigt hat und zu einem ganz anderen Ergebnis als die beiden Herren gekommen ist, wird nicht erwähnt. Auch eine Vielzahl nationaler Gremien wie zuletzt die Schwedische Strahlenschutzkommission oder der Österreichische Wissenschaftliche Beirat Funk teilen nicht die Einschätzung von Dr. Hutter und Dr. Sherif.

Dr. Hutter sieht auf Basis der epidemiologischen Interphone Studie und einer nicht näher benannten Studienreihe eines einzelnen Forscherteams einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Gehirntumoren und dem „häufigen Telefonieren mit Mobiltelefonen“. Dieser Interpretation steht jedoch die Aussage einer maßgeblichen Mitarbeiterin der Interphone Studie selbst, Dr. Maria Blettner, Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz, entgegen. Die Interphone-Autorin, so berichtete unter der deutsche Tagesspiegel im März 2015,  kommentiert ihr eigenes Studienergebnis diametral: Telefonieren mit dem Handy ist kein Risikofaktor!

In der statistischen Auswertung der Datenreihen der Studie wurden sogar Teilnehmergruppen gefunden, bei denen sich die Nutzung von Handys als Risikominderung interpretieren ließe. Blettner sieht dieses Ergebnis natürlich als grundsätzliche Schwäche epidemiologischer Studien, die Korrelationen jedoch nicht kausale Zusammenhänge darstellen können. Außerdem ist es tatsächlich unwahrscheinlich, dass die so genannte „nicht-ionisierende Strahlung“, zu der Funkfelder gehören,  aufgrund der niedrigen Energie die Erbinformation DNA schädigen kann.

Auch Dr. Sherif scheint sich mit der Materie nur einseitig auseinander gesetzt zu haben, wenn er sagt, dass die für den Informationsfluss im Gehirn verantwortlichen Mikroströme auch mit sehr schwachen elektromagnetischen Feldern „interferieren“ können.

Dieser mögliche Effekt wurde schon hinreichend erforscht: Um Beeinflussungen hervorzurufen sind Feldstärken notwendig, die um viele Zehnerpotenzen stärker sein müssten, als sie bei Mobilfunk, aber auch bei Radio- und TV-Sendern eingesetzt werden. Somit ist dieser Effekt in der Praxis ausgeschlossen.

Sie können also beruhigt sein, auch die Ausstrahlung Ihres Beitrages über viele Radiosender mit Einzel-Leistungen von bis zu 100.000 Watt ist nicht bedenklich, genauso wie die Aussendungen von Mobilfunkstationen, die mit im Durchschnitt weniger als einem Tausendstel dieser Sendeleistungen auskommen. Wenn also an der Befürchtung, mobiles Telefonieren löse Gehirntumore aus, etwas dran wäre, müsste dies doch in den Statistiken in Österreich sichtbar sein, immerhin gehören die Österreicher seit Einführung des D-Netzes Anfang der 1990er zu den „Heavy Usern“ – ist es aber nicht!

Sie berichten jedoch, dass es „in Österreich dafür noch keine stichhaltigen Daten“ gibt. Das ist falsch!

Ein Blick auf die Hompage der Statistik Austria zeigt, dass sehr detailliertes Datenmaterial zu Kopf- und Gehirntumorinzidenzen seit den 1980ern verfügbar ist. Eine ernsthaft angestellte Auswertung zeigt, dass es weder einen  signifikanten Anstieg noch eine Reduktion seitdem gab. Dr. Sherifs Anmerkung dazu, dass der Zeitraum von 15 Jahren Handynutzung zu kurz als Beobachtungszeitraum wäre, ist jedenfalls nicht ganz schlüssig, denn das Handy ist, wie schon erwähnt, längstens seit Anfang der 1990er „Allgemeingut“.

Wer Ihre Sendung bis dahin gehört hat, wundert sich nicht, dass Sie beispielhaft das Krebsregister Dänemark erwähnen, das, wie Sie meinen, „besonders genau“ geführt wird. Hier drängt sich dem informierten Hörer die Frage auf, wieso  ein Krebsregister, das zufällig die Aussagen Ihrer beiden Protagonisten unterstützt, „besonders genau“ sein soll während eine ebenso genau geführte Statistik, nämlich die der Statistik Austria, „nicht stichhaltig“ sein soll. Übrigens, die meisten Länder, in den Mobilfunk seit Jahrzehnten weit verbreitet sind, allen voran etwa die USA, melden keinen Anstieg der Gehirntumor-Inzidenzen. Und es verwundert auch nicht, dass selbst im IARC’s 2014 World Cancer Report keine Erwähnung von „Handystrahlung“ als Krebsauslöser zu finden ist. Das alles wird in Ihrem Beitrag nicht erwähnt.

Statt dessen betonen Sie, dass es wichtig sei, „keine Panik zu erzeugen“. Im unmittelbar darauf folgenden O-Ton sagt Dr. Sherif, dass „bösartige Gliome zumindest heute ein definitives Todesurteil“ sind.

 In diesem Zusammenhang empfehlen wir Ihnen die Lektüre des WHO-Factsheets 296. Zusammengefasst ist da zu lesen, dass Ängste vor Mobilfunk, die durch Aussagen wie diese geschürt werden, tatsächlich zu Unwohlsein führen können –  und nicht die Mobilfunkfelder selbst.

Dr. Hutter stellt auch andere Fragen in den Raum, etwa woher die Baustoffe für Mobiltelefone kommen und wie die Entsorgung funktioniert. Diesen Fragen stehen weitreichende CSR-Standards der Hersteller und der Betreiber als Antworten gegenüber, die eines gemeinsam haben: Das Bekenntnis zu- und die strenge Umsetzung von CSR-Standards, die in die angesprochenen Bereiche hineinreichen und weit über gesetzliche Vorschriften hinaus gehen.

Zuletzt folgt unter anderem die Forderung nach der SAR-Kennzeichnung, obwohl die SAR für den praktischen Betrieb keine Aussagekraft hat. Bei der SAR handelt es sich um einen gemessenen Wert, bei dem alle Sendemodule eines Endgerätes permanent mit maximaler Leistung senden. Tatsächlich ist das nie der Fall, denn dann wäre der Akku wohl in wenigen Minuten leer. Wir verstecken den SAR-Wert auch nicht, im Gegenteil, Sie finden alle Werte auf unserer Homepage auf der Startseite.

Wir ersuchen Sie daher, zu diesem Thema in Zukunft auch unsere Positionen in die redaktionelle Berichterstattung  einfließen zu lassen, um auf Behauptungen, die einfach nicht stimmen oder tendenziös dargestellt werden, reagieren zu können.

Mit besten Grüßen

Gregor Wagner
Pressesprecher

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Gregor Wagner

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