Katja Schechtner im Interview: "IoT kann die globale Kluft schließen"

Katja Schechtner im Interview

Smart-City-Expertin Katja Schechtner entwickelt mit Hightech-Unternehmen IoT-Lösungen für die großen Städte dieser Welt und plädiert für mehr Verständnis für den lokalen Kontext. Die nächste große Revolution sieht sie in den MIT-Labors entstehen: die Digitalisierung von Biologie und Chemie.

Sie wohnen in Manila, Boston und Wien, waren letztes Jahr beruflich insgesamt in 16 Ländern – wie hat das Internet of Things (IoT) Ihr Leben „on the way“ bisher beeinflusst?

Nach der Matura bin ich noch mit Reiseschecks und ausgedruckten Flugtickets losgefahren, die ich am Körper getragen habe. Jetzt buche und zahle ich online und habe alle Informationen nur noch elektronisch in einer Cloud-Plattform. Ich nutze in den Städten, in denen ich ankomme, die Uber-App statt Taxi-Vermittlungszentralen. Ich lade mir vor einer Reise Kartenmaterial herunter, um mich vorzubereiten. Ich habe 44 Sim-Karten zuhause. Sie sehen: Das Internet of Services hat überall Einzug gehalten. Auch das Internet of Things umgibt mich, aber es ist oft unsichtbar. Wenn ich fliege, merke ich ja nicht, wenn ein Flugzeugteil automatisch meldet, dass es demnächst gewartet werden soll.

Mit Ihrem globalen Blick auf Städte: Welche IoT-Anwendungen haben sich in den letzten Jahren wirklich durchgesetzt?

Die Einführung, Steuerung und Zurverfügungstellung von Bike-Sharing-Systemen ist global gesehen ein riesiger Erfolg. Das funktioniert in Guangzhou in China genauso wie in Paris und Kopenhagen. Vor allem in offenen, liberalen Gesellschaften kommt das gut an. Aber auch jene, die am anderen Ende des politischen Spektrums stehen, haben ein Referenzprojekt: predictive policing. Dabei werden aus der Analyse großer Datenmengen Rückschlüsse auf die Kriminalitätshäufigkeit z.B. nach Wohnvierteln oder Bevölkerungsgruppen gezogen. In den USA ist das ein riesiger kommerzieller Erfolg.

„Technologien können nicht nur mehr Effizienz bringen, sondern auch Vertrauen und Convenience schaffen.“

Aber es gibt keine simple Antwort auf die Frage, welche Technologien in Städten generell sinnvoll sind.

Nein, es hängt immer vom lokalen Kontext ab. Und das ist gut so. Der große Fehler in vielen Smart-City-Projekten war ja, dass die Firmen geglaubt haben, sie könnten einmal erreichte Lösungen schnell hochskalieren. Aber was in Linz funktioniert, können Sie noch lange nicht in Wien verkaufen. Und schon gar nicht alle Städte am asiatischen Markt über einen Kamm scheren.

Für Betriebswirte keine erfreuliche Nachricht.

Warum? Auf der einen Seite haben Sie die Ingenieure, die ein Produkt entwickeln, standardisieren und es so oft wie möglich verkaufen wollen. Auf der anderen Seite sind die Stadtplaner und –bauer, die etwas Besonderes heraus arbeiten wollen und sagen: Unsere Leute wollen nicht immer nur effizient sein, sie wollen auch leben! Diese Lücke ist produktiv, weil sie zu maßgeschneiderten – und damit höherwertigen – Lösungen ermuntert. Ich würde Firmen raten, ihre Produkte und Dienstleistungen nicht nur über Effizienz, sondern über Vertrauen und Convenience zu verkaufen. Dazu braucht es Inhouse-Consultants-Teams, um die Technologien für die jeweiligen lokalen Bedürfnisse zu adaptieren.

Da ist vermutlich in der Vergangenheit jede Menge falsch gemacht worden.

Berühmt ist das Beispiel einer Stadt in Vietnam, in der das Verkehrssystem völlig neu gestaltet wurde. Die Straßen wurden aufgerissen, Sensoren eingegraben, alles miteinander verlinkt, eine neue Verkehrsleitzentrale hochgefahren – und als sie es eingeschaltet haben, war pures Chaos. Denn im Boden waren Magnetfeldsensoren eingegraben, die zwar die Autos registrierten – aber nicht die hunderttausenden Scooter, Dreiräder etc., die so typisch für diese Länder sind. Ein Technologie – und  ein Kulturfehler – und ein Millionengrab für die betroffene Firma.

Sie sind viel in Entwicklungsländern unterwegs. Können arme Länder durch den richtigen Einsatz von Technologien nun eigentlich aufholen oder sich sogar einen Standortvorteil verschaffen?

Wenn Sie etwa Hafenanlagen mit einem modernen Transport- und Lagersystem verbinden, dann haben Sie tatsächlich einen Standortvorteil. Auf diese Weise ist Singapur der größte Umschlaghafen der Welt für bestimmte Produkte geworden. Doch mit Technologie allein geht es nicht.  Entscheidend ist, wie ich sie im Gesamtsystem einbette. Einfaches Beispiel: Es ist egal, wie effizient ich einen Verkehrsalgorithmus gestalte, der die Ampeln steuert. Wenn ich vor allem Individualverkehr habe, wird die Fracht trotzdem stecken bleiben. Ohne die politische Entscheidung, öffentliche Verkehrsmittel bereit zu stellen, wird es also nicht funktionieren.

„Was in Linz funktioniert, geht noch lange nicht in Wien – und noch weniger in einer Megacity in Asien oder Lateinamerika.“

Es braucht also eine politische bzw. eine gesellschaftlich ausverhandelte rechtliche Architektur, die den Nutzen der Technologien steuert und die Folgen abschätzt.

Richtig. Die entscheidende Frage ist, in welche Gesellschaft wir die neuen Technologien einbetten. Das ist übrigens keine neue Frage.

Und umgekehrt? Kann die entwickelte Welt aus den Entwicklungsländern etwas importieren, das sie ihrerseits nach vorne bringt?

Natürlich. In den Philippinen etwa ist es völlig normal, dass sich Leute ein „halblegales“ Taxi teilen. Mit „Uber-Pool“, der Sammeltaxi-App des kalifornischen Fahrtenvermittlers, kommt das plötzlich auch wieder in die westliche Welt.  Die digitale Technologie schafft genug Vertrauen und macht es einfach – Trust und Convenience sind die Argumente, über die ich Technologie eher verkaufen würde als reine Effizienz. Ich fahre in Boston mit nichts anderem mehr. Meiner Einschätzung nach sind Sammeltaxis übrigens eines der beliebtesten Startup-Pitching-Orte geworden. In San Francisco werden ganz schön viele Investoren in junge Firmen im Sammeltaxi gefunden ...

Hat das Internet of Things das Potenzial, die Kluft zwischen Schwellenländern und entwickelten Ländern zu verringern oder wird eher das Gegenteil eintreten?

Sowohl als auch. Es gibt kein Entweder-oder auf solche Fragen. Die Digitalisierung erlaubt uns einen so feinen Eingriff in die Umwelt, dass die gleichen Dinge mal gut und mal schlecht sein können. Einfaches Beispiel: Sind Sie der Meinung, dass eine weggeworfene Bananenschale ein Recht auf Privatsphäre hat? Nein? Gut, dann statten wir die Bananenschale mit einem Sensor aus! Jetzt kann ich den Müll analysieren und weiß, wie viele Bananen in diesem Haushalt gegessen werden. Aber auch, ob sie vom Mülldienst ordnungsgemäß entsorgt wurden. Gut oder Schlecht? Anderes Beispiel: IoT erlaubt zum einen eine bessere Gesundheitsversorgung, z.B. durch Umweltsensoren, aber gleichzeitig erfahren wir aus Abwässern, wo besonders viele Krankheiten auftreten. Wir werden uns also nicht mit einem Datenschutzgesetz helfen können, sondern uns für jede Industrie überlegen müssen, was Digitalisierung bedeutet. Wir müssen uns darüber einigen, wie wir es einsetzen wollen. Wir brauchen bessere Sicherheit und zuverlässige Daten und wahrscheinlich neue Institutionen, um all das sicherzustellen.

Wo werden die Hauptanwendungen von IoT außerhalb der Privathaushalte sein?

Sicher am stärksten in der Industrie, etwa in der Lagerhaltung, Logistik oder der Produktion. Dort gibt es ja besonders viele standardisierte Abläufe. Auch zur Aufzeichnung von Umweltdaten hat es sich schon stark durchgesetzt: Wind- und Wettermesser, etc. Im privaten Haushalt sehe ich es überall dort, wo es echte Unterstützungsleistungen gibt: Wenn mir Drucksensoren im Boden melden, dass im Krankenhaus oder Altenheim ein Mensch hingefallen ist, dann halte ich das für sinnvoll, Überwachung hin oder her.

Was sind technologisch derzeit die Nadelöhre, um all das tatsächlich umzusetzen? Leistungsfähigere Sensoren?

Nein. Dass die unterschiedlichen Systeme tatsächlich miteinander sprechen und arbeiten können. Da gibt es auf der Mikroebene noch unendlich viele Probleme, die es zu lösen gibt. Wenn das Lichtsteuerungssystem mit dem Klimaanlagensteuerungssystem reden soll, braucht es eine Art Dolmetscher – doch diese Dolmetscher sind noch nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Oder versuchen Sie einmal, ein Foto aus ihrem iPhone so abzuspeichern, dass Sie es gleich weiterschicken können. Es gibt Software, wo die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut – und umgekehrt.

Wir suchen noch nach einem gemeinsamen Nenner für die vielen Sprachen beim digitalen Turmbau zu Babylon.

Genau. Und man soll die Unterschiede ja auch nicht ausradieren. Vielfalt erzeugt zwar Reibungsverluste, macht das System aber auch resilienter.

„Coding ist eine Ausdrucksmöglichkeit wie Balletttanzen oder Geigespielen. Es ist elegant und schön.“

Sie haben mit 13 Jahren Programmieren gelernt. Sollte Coding heute, wie das teilweise gefordert wird, flächendeckend ab der Volksschule gelehrt werden?

Programmieren ist etwas, das ich in jedes Curriculum einbauen würde, auch ins – sagen wir – Studium der Theaterwissenschaften. Coding ist eine Ausdrucksmöglichkeit, so wie Geige oder Klavier lernen oder Balletttanz. Es ist elegant und schön. Ich lerne Strukturen zu verstehen, die sich entwickeln. Mein persönliches Steckenpferd ist etwa den Facebook-Algorithmus zu verstehen.

Was ist die Zukunft der Zukunft? An welchen wissenschaftlichen Projekten forschen Sie derzeit im MIT?

Eines beschäftigt sich mit der vorhin genannten Abwasser-Analyse. Ein anderes Projekt, an dem ich derzeit arbeite, beschäftigt sich mit dem bewusst nicht wahrnehmbaren Pulsieren von Licht und Schall in Bahnhöfen und Flughäfen: Ist das so modulierbar, dass ich das Gehverhalten der Menschen beeinflussen kann? Wenn ja, könnte ich bewirken, dass zum Beispiel Bahnsteige schneller geräumt werden und der Fahrgastwechsel erleichtert wird.

Sie beeinflussen das Unterbewusstsein der Menschen. Klassisches „Nudging“ aus der Verhaltensökonomie.

Richtig. Aber ist das schlecht? Haben die Architekten, die Kathedralen gebaut haben, nicht seit jeher auch Stimmungen und Verhalten mit beeinflusst? Ist es ethisch bedenklicher, wenn ich das heute mittels einer Lichtsteuerung machen will?

Wenn es transparent ist: nein.

Eben. Ein weiteres spannendes Forschungsfeld derzeit ist 4D-Printing. Also nicht mehr nur 3D-Druck – das Produkt bekommt eine zusätzliche Dimension, etwa, dass es sich in einer bestimmten Umgebung aktiviert und selbst zusammensetzt.

Inwieweit befassen Sie sich im MIT auch mit Genetik?

Das ist mit Sicherheit die nächste große Revolution: Digitalisierung, Biologie und Chemie. Überhaupt durchdringt die Digitalisierung alles. Es war ein Merkmal der letzten Industrialisierung, dass sich Fachdisziplinen heraus gebildet haben. Nun wächst wieder alles zusammen. Das ist natürlich schwierig für jemanden, der allein in seinem Fachbereich ausgebildet worden ist und nun plötzlich übergreifend denken – und mit Leuten aus anderen Bereichen kooperieren – muss. Das wird uns auch in der Technologieentwicklung stark beschäftigen. Das ist tatsächlich die Zukunft der Zukunft.

Katja Schechtner (44), Expertin für urbane Technologien

  • Sie entwickelt und implementiert Stadttechnologien in den Städten Asiens, Europas, in Lateinamerika und den USA.
  • Seit 2010 ist sie Research Fellow am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo sie Forschung in den Bereichen Persuasive Urban Mobility und Perception Based Modelling leitet.
  • Seit 2013 ist sie bei der Asian Development Bank (ADB) und der Inter-American Development Bank (IDB) für "Big Data for Transport“-Projekte verantwortlich, unter anderem in Zusammenarbeit mit der European Space Agency (ESA) und für Investmentbeurteilungen von Technologie – z.B. urbane Seilbahnsysteme, Electronic Vehicle Registration und Dynamic Toll Pricing.
  • Im Jahr 2003 gründete sie die Forschungsgruppe Dynamic Transportation Systems am Austrian Institute of Technology (AIT) mit mehr als 45 wissenschaftlichen Mitarbeitern, die sie bis 2012 leitete.
  • Sie ist Gastprofessorin an der TU Wien und Vortragende an der FH Technikum Wien.