ELGA: Der smarte Patient

E-Health

Mit der elektronischen Gesundheitsakte ist 2016 eines der wichtigsten E-Health-Projekte in Österreich an den Start gegangen. Das ELGA-System ermöglicht Patienten und behandelnden Ärzten den Zugriff auf Befunddaten. Mit der Entwicklung der E-Medikation nimmt Österreichs E-Health-Branche derzeit im europäischen Vergleich eine vielbeachtete Vorreiterrolle ein.

Österreichs Gesundheitssystem hat den Ruf, eines der besten zu sein. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind jedenfalls hoch, so viel steht fest: 2010 waren es laut einer Information der Wirtschaftskammer Österreich 31,4 Milliarden Euro, das sind rund elf Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die Unternehmen stemmen demnach den Großteil der Gesundheitsausgaben: Im Rahmen des Dienstgeberanteils zur Sozialversicherung zahlen diese circa 27,6 Milliarden Euro (2011) ein, während auf die Dienstnehmer rund 15,6 Milliarden entfallen. Dass hohe Ausgaben aber nicht automatisch den Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern, die Qualität der Patientenversorgung erhöhen und die Effizienz des Systems insgesamt steigern, zeigt eine Analyse des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Auftrag der Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich.

Effizienz im Gesundheitswesen

„Ein relativ hoher Ressourceneinsatz bei einer nur mittelmäßigen Wirkung für die Patienten ergibt eine eher geringe Gesundheitssystemeffizienz. Das bedeutet: Unser Gesundheitssystem könnte wesentlich patientenorientierter und effizienter arbeiten“, fassen die Studienautoren zusammen. Die Outcome-orientierte Performance des heimischen Gesundheitssystems liege im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld, die Effizienz nur im hinteren Drittel, heißt es in der Studie „Public Sector Performance: Gesundheit“.

ELGA-System: Mehr Autonomie für Patienten

Eine große Chance, sowohl die Effizienz als auch die Qualität im Gesundheitssystem zu heben, ist die Vernetzung von Gesundheitsdienstleistern und der verbesserte Austausch von Informationen. Mit dem Start der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) ist dem Gesundheitswesen in Österreich ein wichtiger Schritt in diese Richtung gelungen: Über 40 Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen nutzen ELGA bereits, Patienten, die dort stationär oder ambulant †aufgenommen werden, können ihre Krankenakte auf Wunsch auch digital einsehen. Mit ihrer Handysignatur bzw. Bürgerkarte können sich Patienten selbst einloggen, ihre Gesundheitsdaten einsehen, ausdrucken oder downloaden. Auch das Ausblenden oder Löschen von Befunden ist in ELGA möglich. So können Patienten Mehrfachuntersuchungen und die damit verbundenen Belastungen, Wartezeiten und Wege vermeiden.

Rollout-Plan

Ende Jänner 2016, also nur einen Monat nach dem Start, wurden bereits 200.000 Befunde registriert. Der flächendeckende Ausbau von ELGA findet 2017 statt. Bis dahin werden im ersten Halbjahr 2016 die ELGA-Bereiche der Sozialversicherung sowie Niederösterreich und Kärnten und auch das AKH Wien angebunden, im zweiten Halbjahr 2016 die verbleibenden ELGA-Bereiche. Der flächendeckende Roll-out soll im Laufe des Jahres 2017 abgeschlossen sein.

Pionierprojekt E-Medikation

Niedergelassene Allgemeinmediziner und Apotheker müssen, sobald sie mit dem ELGA-System arbeiten, verordnete und abgegebene Medikamente in die E-Medikations-Datenbank eintragen. Die Medikationsliste ist hinterlegt und kann dort eingesehen werden.

Mit diesen Informationen ist eine weiterführende (elektronische) Prüfung auf potenzielle Wechselwirkungen und Überdosierungen möglich, wodurch die Patientensicherheit erhöht wird. Die Datenbasis für E-Medikation ist eine von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) eigens für E-Medikation erstellte und gewartete Arzneispezialitätenliste, die regelmäßig aktualisiert wird.

E-Medikation

In der Fachwelt hat die E-Medikation international für Aufsehen gesorgt. „Eine der zwei wichtigsten ELGA-Funktionen ist E-Medikation, die 2016 im Bezirk Deutschlandsberg getestet wird“, so Alexander Schanner, Sprecher des Vereins IHE Austria. Der Verein ist Netzwerkpartner des FEEI und setzt sich für die konsequente Anwendung und Verbesserung von internationalen Standards ein, die eine lückenlose Interoperabilität von IT-Systemen in der Medizin ermöglichen werden. Ein großer Erfolg konnte bereits verbucht werden: Die EU-Kommission empfiehlt seit Ende Juli 2015 den Einsatz von 27 IHE-Profilen bei öffentlichen Ausschreibungen.

Niedergelassener Bereich

Nach Branchenschätzungen entstehen mehr als drei Viertel der ELGA-relevanten Daten im extramuralen, also im niedergelassenen Bereich. Über den Erfolg oder Misserfolg von ELGA entscheidet daher, zu welchem Grad die ELGA-Software bei niedergelassenen Ärzten, Radiologen, Labors und Apotheken implementiert wird.

Ab Mitte 2017 ist ELGA für niedergelassene Ärzte verpflichtend, die Skepsis ist in deren Reihen allerdings deutlich spürbar. „Im Fokus muss für die Mediziner die hohe Qualität der Patientenversorgung und eine verbesserte medizinische Vorsorge stehen. Eine sichere Zusammenarbeit und Vernetzung unter den Leistungserbringern und Ärzten ist hierfür eine wichtige Voraussetzung“, so Manfred Müllner, stellvertretender Geschäftsführer des FEEI. Vor allem die Bedenken in puncto Sicherheit kann Müllner nicht nachvollziehen. „Die gesamte E-Health-Branche, von Softwarehersteller bis Systembetreiber, arbeitet seit mehreren Jahren an der Umsetzung des ambitionierten Projekts und hat dafür ihre volle Innovationskraft unter Beweis gestellt“, so Müllner.

"Auf vertrauliche Aufzeichnungen in der Ordinations- oder Spitalssoftware, die nicht in einem Befund stehen, wird nicht zugegriffen“, bekräftigt auch Volker Schörghofer, Generaldirektor-Stellvertreter im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, in einem Bericht der Zeitung „Hausarzt“. Zudem weist das ELGA-System eine höhere Datensicherheit auf als bestehende Einzelsysteme.

Eduard Schebesta, Sprecher der Industrieplattform Medizinsoftware im FEEI: „Die sichere technische Anbindung für Ordinationen und Apotheken ist bereits jetzt möglich. Wir können das Projekt sowohl technisch als auch organisatorisch umsetzen. Österreichs Medizinsoftwarehersteller sind ELGA-ready!“

E-Health im Ländervergleich

Die deutsche Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI hat den Stand der Digitalisierung im E-Health- Bereich in ausgewählten Ländern verglichen. 3 Beispiele:

Estland

  • (1,3 Mio. Einwohner, Gesundheitsausgaben pro Kopf: 851 Euro)
  • Zentrales digitales Gesundheitsinformationssystem, 98 Prozent der Bevölkerung und 752 Einrichtungen sind angeschlossen und haben Zugriff auf digitale Gesundheitsakten.

Schweden

  • (9,7 Mio. Einwohner, Gesundheitsausgaben pro Kopf: 3.692 Euro)
  • Gut die Hälfte der Akutkrankenhäuser ist mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens vernetzt, 80 bis 90 Prozent aller Rezepte werden elektronisch direkt an die Apotheken weitergeleitet.

Deutschland

  • (81,2 Mio. Einwohner, Gesundheitsausgaben pro Kopf: 3.910 Euro)
  • Das E-Health-Gesetz ist auf dem Weg, ein wichtiger Bestandteil ist die elektronische Gesundheitskarte. Ab 2018 sollen beispielsweise Notfalldaten gespeichert werden können.