Warum die digitalisierte Welt mehr Arbeit schafft

Pilotraum Industrie40 Infineon Villach
Pilotraum Industrie40 Infineon Villach

Lokalaugenschein in Kärnten: ein weltweit führenden Halbleiterhersteller hat Ende Oktober 2015 einen neuen Reinraum („Pilotraum Industrie 4.0“) eröffnet, in dem die sogenannte Ionenimplantation durch den Einsatz von intelligenten IKT künftig verstärkt selbststeuernd umgesetzt wird.

Mitarbeiter und Roboter arbeiten hier ohne Schutzgitter nebeneinander, die Planung und Kontrolle der komplexen Abläufe übernehmen hochqualifizierte Mitarbeiter, so genannte „Work Area Controller“. Gerade wegen des vorhandenen Know-hows in intelligenter Produktion wurde am Standort investiert, auch personell: Bis 2017 sind 380 neue Arbeitsplätze geplant, davon 200 in Forschung und Entwicklung.

Auch in Graz erweitert ein österreichischer Automotive-Konzern die Belegschaft in den kommenden Jahren um rund 500 Personen und investiert gleichzeitig in die „Smart Factory“ – mit dem Ziel der „steigenden Effizienz, höheren Flexibilität und schnelleren Reaktionsgeschwindigkeit“. Einige Tools sind bereits heute im Einsatz: Maschinen geben ihren Wartungswunsch gleich direkt an die zuständige Stelle oder den Lieferanten weiter. Künftig werden intelligente Gebinde automatisch ihren Inhalt, die Stückzahl und dessen Einsatzbereich in der Produktion erkennen. Diese Informationen werden direkt an die Logistik weitergeleitet.

Eine Vielzahl von Unternehmen in Österreich setzt Industrie-4.0-Elemente bereits in ihrer Wertschöpfungskette um. „Es ist daher nicht die Frage, ob, sondern wie wir die Veränderung in eine digitalisierte Produktions- und Arbeitswelt mitgestalten. Ohne Industrie 4.0 wird die Produktion nicht in Europa bleiben“, so Brigitte Ederer, Präsidentin des FEEI. „Industrie 4.0 ist die große Chance, den internationalen Wettbewerb nicht mehr ausschließlich über Standortkosten führen zu müssen, sondern mit Know-how, integrativem Management von komplexen Systemen und gesteigerter Ressourcen- und Energieeffizienz.“

Wohlstand durch Qualifikation

„Die Frage, wie viele Arbeitsplätze die Digitalisierung der Arbeitswelt kostet, betrachtet das Problem von der falschen Perspektive. Sie muss in meinen Augen viel eher lauten: Wie viele Arbeitsplätze verlieren wir in Österreich, wenn wir nicht mit dem technologischen Fortschritt mithalten können und die Wirtschaft nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfindet?“, betont auch Lothar Roitner, Geschäftsführer des FEEI.

"Wie viele Arbeitsplätze verlieren wir in Österreich, wenn wir nicht mit dem technologischen Fortschritt mithalten können?"

Lothar Roitner, FEEI-Geschäftsführer

Die eigentliche Herausforderung liege darin, dass es gelingen müsse, die heute wenig qualifizierten (Personen mit Pflichtschulabschluss bzw. angelernte Arbeiter) Mitarbeiter so umzuschulen, dass sie im Produktionsprozess bleiben können, so Wilfried Sihn vom Fraunhofer Institut gegenüber dem ORF Report. „Das wird manchmal gelingen, aber nicht immer.“

Auch der Vorstand des AMS, Johannes Kopf, stellt einem Interview mit dem ORF fest: „Die Jobs, die durch den technologischen Fortschritt entstehen, werden andere, höherqualifizierte sein. Geht uns die Arbeit aus? Nein. Geht uns die Arbeit für wenig qualifizierte Menschen aus? Die Antwortet lautet leider ja. Qualifizierung lautet also die Antwort auf das Problem.“

Fachkraft Industrie
Berufsbild im Wandel: Vom Zerspanungsmechaniker zum 3D-Drucker

Berufsbilder im Wandel

Auch Berufsbilder ändern sich. Kreativität, neue Produktionstechniken (Stichwort 3D-Druck) und -materialien und komplexes Systemmanagement stehen zukünftig im Vordergrund. Ein international tätiger Technologiekonzern mit weltweit knapp 350.000 Beschäftigten (und rund 10.000 in Österreich) hat sich die Veränderung der Berufsbilder im eigenen Haus genauer angesehen, um das Aus- und Weiterbildungsangebot anpassen zu können.

Die Personalchefin skizziert in einem Interview mit der FAZ, wie sie die Arbeitnehmer fit für die Digitalisierung machen will: „Wir haben fast 30 Berufe identifiziert, bei denen wir etwas tun müssen. Ein Beispiel ist der Zerspanungstechniker, der bislang seine Vorgaben aus dem Entwicklungsbereich bekam und an den entsprechenden Stellen bohren und fräsen musste. Mit dem 3D-Drucker können nun aber Teile schon mit den entsprechenden Löchern produziert werden. Deshalb sollten Zerspanungsmechaniker künftig auch diese Technologie beherrschen. Heute lässt sich vieles schon im Vorfeld mit Simulationen übern, so dass weniger Fehler mit Protottypen gemacht werden.“

"Die menschenleere Fabrik wird es nicht geben."

Roland Sommer, Geschäftsführer der Plattform Industrie 4.0

"Die menschenleere Fabrik wird es trotz zunehmender Automatisierung nicht geben", ist sich auch Roland Sommer, Geschäftsführer der Plattform Industrie 4.0, überzeugt. "Wir werden in Zukunft nicht die billigsten, sondern die besten Arbeitskräfte suchen. Einfache manuelle Tätigkeiten werden wegfallen, Wissensarbeit aber ungleich höhere Bedeutung erlangen. Daher ist das Bildungssystem - vom Kindergarten bis zur Hochschule - ebenso gefordert wie Unternehmen, die qualifizierte Weiterbildung anbieten werden."

Status Quo: MINT-Berufe sind bereits höher qualifiziert

Studien prognostizieren, dass in Österreich 40.000 neue Arbeitsplätze im MINT-Bereich entstehen, über unmittelbare Wachstumseffekte in Industrie-4.0- Branchen wie der Elektro- und Elektronikindustrie zusätzlich bis zu 13.000 Beschäftigungsverhältnisse pro Jahr. Auch das Arbeitsmarktservice (AMS) rechnet in einem aktuellen Bericht vor: 2013 gab es 11.000 Beschäftigte in akademischen IKT-Berufen (plus 19 Prozent im Vergleich zu 2011). Gesucht werden Fachkräfte mit fundierten Kenntnissen in vollautomatisierten Anlagen, Industrierobotern sowie Querschnittswissen in IKT, Prozesskenntnis, Flexibilität, Software-Know-how und Service immer wichtiger. „Der Trend zu höheren Qualifikationen ist ungebrochen, insbesondere in der Elektrotechnik, Elektronik und Telekommunikation.“

Plattform Industrie 4.0

Der FEEI hat mit dem Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie, Alois Stöger, die Initiative ergriffen und die Gründung einer gemeinsamen Plattform vorangetrieben. Unter dem Namen „Industrie 4.0 Österreich – die Plattform für intelligente Produktion“ wurde sie im Mai 2015 aus der Taufe gehoben. Dem FEEI und dem Ministerium war es wichtig, dass ein breiter Schulterschluss gelingt. Die digitale Produktion reicht in weite Bereiche – von Big Data bis Arbeitsorganisation –, die in der Plattform diskutiert und wofür Synergien erarbeitet werden sollen.