Monika Kircher im Interview: „Es geht auch um Persönlichkeiten“

Monika Kircher
Dr. h.c. Monika Kircher im Interview

Monika Kircher, zehn Jahre lang FEEI-Vizepräsidentin, über den Industriearbeitsplatz der Zukunft – und welche Qualifikationen das Bildungssystem deshalb vermitteln muss. Zu warten, bis der Leidensdruck groß genug ist, hält sie für eine schlechte Idee.

Seit Jahren ist die Begeisterung für Technik ein erklärtes bildungs- und standortpolitisches Ziel, auch der FEEI hat es in seinem Positionspapier verankert. Wie war das bei Ihnen selbst? Wann ist der Funke übergesprungen?

Meine Eltern hatten einen Gewerbebetrieb, die Scheu vor männerdominierten Branchen und Kulturen habe ich da schon als Kind abgebaut. Daher war es für mich später auch nicht schwer, mich in einem Top-Technologieunternehmen zurechtzufinden. Dennoch bin ich von meiner Begabung her weniger technik- als wirtschafts- und sprachenaffin.

Warum bekommt man den Eindruck, dass es trotz massiver Anstrengungen kaum gelungen ist, mehr Österreicherinnen und Österreicher für die technischen Fächer zu gewinnen?

Ich selbst bin auch ungeduldig, aber mehr war in den letzten Jahren nicht möglich. Immerhin ist es gelungen, die Trendwende "weg von der Technik" zu stoppen. Hätten wir das nicht geschafft, wären uns ein oder zwei Generationen an Mitarbeitern verloren gegangen. Das Land hat eine lange Tradition der Technologieskepsis, von Anti-Atomkraft bis Anti-Gentechnik. Meine Theorie ist, dass das mit dem wissenschaftlichen Brain Drain in den 1930er Jahren zusammen hängt, als die hervorragendsten Wissenschaftler umkamen oder vor den Nationalsozialisten ins Ausland geflohen sind. Zum Glück hat in den letzten 15 Jahren ein öffentlicher Diskurs über Technik und Innovation begonnen, jedenfalls in ausgewählten Medien. Das Dringendste ist jetzt aber eine Reform des Bildungssystems: Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, dass Neugierde für Naturwissenschaften oder Mathematik schon in der Schule im Keim erstickt wird. In der Arbeitswelt der Zukunft werden diese Fächer wichtiger sein denn je.

"Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, dass Neugierde für  Naturwissenschaften oder Mathematik schon in der Schule im Keim erstickt wird"

Welche Qualifikationen wird ein Mitarbeiter im Zeitalter der Industrie 4.0 denn brauchen? Auf welche Arbeitswelt muss das Bildungssystem vorbereiten?

Mathematik und Logik bleiben weiterhin die Grundkompetenzen für technologische Berufe. Bei Industrie 4.0 werden Logistikaspekte immer wichtiger, ebenso das Management von Daten, insbesondere auch die Datensicherheit. So wie heute ein zeitgemäßes Auto mit Elektronik durchdrungen ist, wird ein Industriebetrieb der Zukunft komplex, modular aufgebaut und total vernetzt sein. Es wird nicht nur darum gehen, weiterhin höchste Qualitätsstandards zu erfüllen, sondern auch darum, die Prozesse in der Wertschöpfungskette gemeinsam mit den Zulieferern und Kunden zu steuern. Fachkompetenzen sind also nur der halbe Erfolg, Kooperationsfähigkeit gewinnt an Bedeutung. Mitarbeiter, die hinterfragen können und Fehler anzusprechen wagen, sind mindestens so wichtig wie formale Kenntnisse. In der Fabrik der Zukunft geht es nicht rein um Fachwissen rund um IT und Big Data, sondern auch um Persönlichkeiten.

Vor diesem Anforderungsprofil: Was läuft dann in den frühen Stufen des Bildungssystems schief?

Die Volksschule ist im Prinzip eine Gesamtschule, die den Lehrkräften ein hohes Maß an Autonomie einräumt. Ab dem 10. Lebensjahr durchlaufen die Kinder dann einen starren Fächerkanon und sind mit einem ständigen Wechsel der Lehrkräfte konfrontiert. Da ist es dann oft Glück oder Pech, ob man den Lehrer oder die Lehrerin bekommt, der oder die das individuelle Talent erkennt und fördert.

Und in der Breite fehlt es den Lehrkräften ja auch an technologischer und wirtschaftlicher Kompetenz.

Richtig. Viele Pädagoginnen und Pädagogen sind schon allein deshalb überfordert, technische Experimente durchzuführen, weil sie einer Generation angehören, in der die Bedeutung des Themas noch nicht bewusst war. Generell müssen wir danach trachten, mehr Männer in die Pädagogik und mehr Frauen in die Technik zu bekommen, um veraltete Rollenbilder aufzubrechen. Zudem haben wir keine durchlässigen Systeme und keinen Arbeitsmarkt für Lehrkräfte. Die Arbeitsplätze werden zum Teil noch immer nach Parteizugehörigkeit und Seniorität zugeteilt. Auch bei der Weiterbildung kann man noch viel zum Positiven hin verändern, um es vorsichtig auszudrücken. Die Geschwindigkeit der Veränderungen in den Unternehmen ist so hoch, dass die Weiterbildungsangebote kaum Schritt halten können.

Latein raus, Programmieren rein – sollte eine Entrümpelung des Fächerkanons nach diesem Muster erfolgen?

Definitiv ja. Wir sprechen ja von Grundkompetenzen, die die Schule vermitteln soll: Lesen, Schreiben, Rechnen. IKT gehört da inzwischen auch dazu. Dass der richtige Umgang mit Technologien über ein geglücktes Leben entscheiden kann, wissen wir alle. Das Beherrschen von Programmiersprachen wird Fixbestandteil vieler Berufsbilder werden. Immer mehr wird aber auch der Erwerb von Kulturtechniken, die bisher wie selbstverständlich im Elternhaus vermittelt wurden, in die Schule verlagert. In Finnland wird zum Beispiel in der Schule gemeinsam gegessen, geputzt und gekocht. Das ist im Übrigen auch ein wertvoller Beitrag zur Integration.

„Bei Industrie 4.0 werden Logistikaspekte immer wichtiger, ebenso das Management von Daten, insbesondere auch die Datensicherheit.“

Kann man aus jedem Kind eine Technikerin bzw. einen Techniker machen?

Nein, ebensowenig wie man aus jedem Kind einen Gesundheits- und Pflegemanager machen kann. Zum Glück gibt es ja Vielfalt. Nur nutzen wir sie zu wenig. Kinder werden sehr früh und sehr schnell in Schubladen gesteckt, anstatt die Vielfalt blühen zu lassen.

Wie kann man Lust auf das Neue entfachen bzw. am Leben erhalten?

Wir laufen in Europa, auch in Österreich, längst Gefahr, träge zu werden – wenn wir es nicht schon sind. Dass in Umfragen acht von zehn jungen Österreichern sagen, sie wollen Beamte werden, sollte ein Alarmzeichen sein. Wir sind heute eher das Gegenteil von unternehmerisch, neugierig, beweglich und flexibel. Dabei ist offenkundig, dass die Erfolgsrezepte von vor 30 Jahren heute nicht mehr funktionieren und in 20 Jahren noch weniger funktionieren werden. Auf den ersten Blick ist das ein Wohlstandsphänomen. Nur weil das alte Rom untergegangen ist, heißt das noch nicht zwangsläufig, dass auch wir untergehen müssen. Es gibt ja Gegenbeispiele von Gesellschaften, die sich trotz hohen Wohlstands die Innovationskraft erhalten haben, etwa die skandinavischen Staaten. In Österreich haben wir da noch viel zu tun, und dass jeder Einzelne Teil dieses Veränderungsprozesses ist, ist eine der wichtigsten Reformaufgaben.

Welche Ausbildung würden Sie jemandem empfehlen, der eine Zukunft in einem hochtechnologischen Unternehmen anstrebt?

In vielen berufsbildenden höheren Schulen gibt es gute Kombinationen aus Informationstechnologie, Elektrotechnik oder Mechanik. Die HTL-Absolventinnen und -Absolventen sind ja schon heute eine unverzichtbare Stütze für viele Betriebe. Erfreulich ist, dass sich die technischen Universitäten des Themas Industrie 4.0 inzwischen interdisziplinär annehmen. Studierende der Informatik oder Elektrotechnik werden mit dem Thema heute viel stärker konfrontiert, als das noch vor zehn Jahren der Fall war.

Muss man studiert bzw. formelle Bildungsabschlüsse haben, um in dieser Arbeitswelt der Zukunft bestehen zu können?

Wir in Österreich sind noch geprägt vom traditionell starken öffentlichen Sektor, der viel Wert auf Formalkriterien legt. Akademische Abschlüsse per se werden jedoch sicher weniger wichtig. Ob ein Bachelorabschluss formal mehr wert ist als ein HTL-Abschluss, würde ich anzweifeln. Wir sollten jungen Leuten aber in jedem Fall signalisieren, dass es sich lohnt, eine Ausbildung abzuschließen. Da geht es weniger um Fachliches als um Charakterstärke und Durchhaltevermögen.

Welchen Eindruck haben Sie von den aktuellen Reformbemühungen rund um das Bildungssystem?

Eine Ausweitung der Schulautonomie, wie sie sich derzeit abzeichnet, ist sicher dringend notwendig, weil die Schulen selbst am besten verstehen, welchen Mix an Kompetenzen es in der jeweiligen Region braucht. Schulautonomie sollte aber nicht vor dem Dienstrecht halt machen. Eine Direktorin bzw. ein Direktor muss nicht nur die Möglichkeit haben Personal zu kündigen, sondern auch gezielt anzuwerben und mit klassischen Incentives zu arbeiten. In Unternehmen werden Mitarbeiter am Erfolg häufig beteiligt, in den Schulen fehlt so etwas noch völlig. Eine spezielle Gefahr ist, dass die Mangelverwaltung schlicht an die Schulen delegiert wird, um die Vertreter vor Ort rechtfertigen zu lassen, dass das Geld fehlt.

Die Zentralmatura...
...ist ein Schritt in die richtige Richtung, trotz aller Probleme bei der Einführung. Frühkindförderung, verpflichtendes Kindergartenjahr, Bildungsstandards, das alles ist absolut richtig und entspricht den langjährigen Forderungen der Wirtschaft. Nun wünsche ich mir, dass aus den vielen Puzzlesteinen und Bildungsreformschritten endlich ein großer Wurf wird, der auch eine Vision gibt, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Alle Beteiligten sollen erkennen, wohin die neue Schule führt. Derzeit ist die Verunsicherung noch größer als die Lust auf eine bessere Zukunft.

„Wir haben keinen Arbeitsmarkt für Lehrkräfte. Die Arbeitsplätze werden zum Teil noch immer nach Parteizugehörigkeit und Seniorität zugeteilt.“

Auch bei den Lehrern.

Logisch, die sind ja auch unmittelbar mit der Umsetzung befasst. Man müsste sicher deshalb noch mehr mit ihnen reden. Aber als Vis-à-vis zu den Gewerkschaftern, die ausschließlich Arbeitnehmerinteressen vertreten, muss es auch eine starke Stimme des Staates geben, der die bildungspolitischen Interessen der Allgemeinheit und der Kinder vertritt.

Dass die Bundesländer eine stärkere Rolle im Bildungswesen erhalten könnten, dürfte Ihnen nicht so gut gefallen.

Qualitätssicherung, Bildungsstandards, die Aus- und Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen, das alles sollte beim Bund angesiedelt sein. Eine Verländerung der Lehrer hielte ich für einen Rückschritt, eine Art Bildungsdirektion in den Ländern aber für durchaus sinnvoll.

Wird die Reform gelingen?

Sie muss gelingen, wenn wir Österreich demokratisch weiterentwickeln und uns nicht Populisten vor die Füße werfen wollen. Wenn die etablierten Parteien jetzt nicht verstehen, wie groß diese Gefahr ist, dann werde ich selbst auch aufhören, als Beraterin in diversen Funktionen für dieses Land zu kämpfen. Wir haben bei Infineon in Villach ja auch Taten sprechen lassen müssen, deshalb haben wir eine internationale Tagesstätte und eine internationale Schule gegründet. Es hilft manchmal, die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen, wenn man Fakten schafft. Das tun wir in Österreich generell zu wenig.

Muss der Leidensdruck einfach noch größer werden, damit es einen großen Wurf und nicht bloß die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gibt?

Nach dieser Maxime zu handeln, wäre fahrlässig. Denn es gibt einen Zeitpunkt, an dem man für die notwendigen Entscheidungen und Veränderungen keine Spielräume mehr hat.

Dr. h.c. Monika Kircher
Dr. h.c. Monika Kircher im Gespräch

„Monika Kircher war von 2000 bis 2015 Funktionärin des FEEI, seit 2005 Vizepräsidentin und damit eine der längst dienenden Funktionärinnen unseres Verbands. Sie hat dreizehn Jahre lang als Verhandlungsmitglied die Kollektivverträge für die Industrie zu einem stets positiven Ergebnis geführt. Auf ihr Mitwirken an zahlreichen Aktivitäten des FEEI gehen wegweisende Entwicklungen zurück. Wir danken Monika Kircher für ihr außergewöhnliches Engagement und die stets beste Zusammenarbeit in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten!“ Brigitte Ederer, Lothar Roitner

Mag. Dr. h.c. Monika Kircher

  • geboren 1957 in Spittal an der Drau
  • Wirtschaftsstudium in Wien und Mexiko stets dem Bundesland Kärnten verbunden
  • Von 1991 bis 2001 Vizebürgermeisterin von Villach
  • Finanzvorstand bei Infineon Technologies Austria
  • ab 2007 als Vorstandsvorsitzende bei Infineon Technologies Austria
  • Seit April 2014 berät sie Infineon als Senior Director Industrial Affairs
  • Aufsichtsratsmitglied u.a. von der AUA, von Siemens Österreich und von Andritz
  • Leitung des FTI-Ausschuss der Industriellenvereinigung