Industrie 4.0 erfordert Bildung

Rainer Stetter

Der Industrie-4.0-Experte Rainer Stetter vergleicht die digitale Revolution mit der Kraft eines Tsunamis, warnt vor der Trägheit von Konzernhierarchien und fordert, sich auf das einzig wirksame Gegenmittel zu konzentrieren: Bildung.

Sie sagen, es braucht „mehr Spinner“. Sind Sie selber einer?

Andere würden mich vielleicht so bezeichnen. Doch wenn ich von Spinnern rede, meine ich vor allem Leute wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Apple-Chef Tim Cook, Tesla-Erfinder Elon Musk, Uber-Gründer Travis Kalanick oder Jia Yueting, den chinesischen Milliardär hinter dem Elektroauto-Konzept Faraday Future.

Vier Amerikaner, ein Chinese.

Ja, viele in Europa sind fett, satt und träge. Zum Teil sind die Amerikaner aber auch genetisch anders drauf: Die Leute, die dort in den vergangenen Jahrhunderten angekommen sind, waren meist entweder total verrückt oder in einer sehr verzweifelten Situation. Das ist ein besserer Nährboden für Spinner. Computer bedeuten dort auch Freiheit und Locker-Sein. In den USA sprechen sie übrigens nicht von der digitalen Revolution, sondern vom Internet of Things, vom Internet der Dinge.

Aber es ist doch eine Revolution?

Aus europäischer Sicht: ja. Zurzeit reise ich als Vortragender von Ort zu Ort oder vielmehr: ich rase. Als vor drei Jahren der Begriff Industrie 4.0 aufkam, sagten alle noch: „Was soll der Quatsch?“ Nun ahnen immer mehr Leute, dass da offenbar Gefahr in Verzug ist.

Und ist es tatsächlich eine Gefahr?

Es ist wie bei einem Tsunami. Im ersten Moment nimmt man vom Beben da weit draußen unterm Meer kaum Notiz, an der Oberfläche ist nichts erkennbar. Nach einer Weile zieht sich das Meer sogar noch zurück – und erst dann kommt die Welle. Wenn man die Welle aber sieht, ist es meistens schon zu spät.

Nur die Elefanten mit ihren feinen Wahrnehmungsorganen laufen schon los.

Ja, und vielleicht bin ich auch so ein Elefant. Ich sage: „He, Freunde, lauft los in Richtung Landesinneres, in Richtung Berg!“ Jedenfalls empfinde ich die technologische Situation derzeit so.

Aber die Computerrevolution ist ja nicht ganz neu, die Geräte wurden über Jahrzehnte hinweg immer kleiner und leistungsfähiger, viele Dinge – von der Schreibmaschine bis zum Reisebüro – sind überflüssig geworden. Das waren viele kleine Wellen. Warum sollte das bei Industrie 4.0 nun anders sein?

Gerade weil es so viele kleine Schritte waren, ist es unbemerkt geblieben, es war eher ein Anschleichen – das macht es so gefährlich. Nun geht es aber um nichts anderes als um die Weltherrschaft. Zuckerberg, Musk & Co sind heute Multimilliardäre in ihren Vierzigern. Diese Leute sind jung, haben mörderisch viel Geld – und sie wollen die Welt verändern. Es ist ihnen langweilig. Sie sind alle mit Informatik reich geworden, und jetzt suchen sie nach neuen Betätigungsfeldern. Und sie landen in unseren Hoheitsgebieten, etwa der Autoindustrie.

Dort gibt es noch kein Umdenken?

Mein Doktorvater war Joachim Milberg, der ehemalige BMW-Chef. 50 meiner ehemaligen Promotionskollegen sind heute noch bei BMW, es sind Werksleiter und Vorstände darunter. Die sind unglaublich innovativ und risikofreudig. Aber es sind eben nur Millionäre und Angestellte von börsennotierten Unternehmen, die in Konzernhierarchien denken. Auf der anderen Seite des Teichs sind Selfmade-Milliardäre, die die Welt verändern wollen. Da herrscht keine Waffengleichheit.

Auch die Selfmade-Milliardäre können irren. Lässt sich jahrzehntelanger Know-how-Aufbau so mir nichts, dir nichts aushebeln?

Die Art und Weise, wie die Antriebstechnik durch die E-Mobilität verändert wird, ist noch immer nicht überall in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen. Bei meinen Vorträgen zeige ich oft ein Bild von einem Tesla-Chassis: eine Batterie, zwei Motoren, vier Räder. That’s it – 85 Prozent weniger mechanische Teile im Vergleich zum Verbrennungsmotor. Manch ein Gesprächspartner sagt dann einfach: „Sch…“

„Wir müssen komplett neue Dinge machen. Revolution heißt, dass die Unternehmen ihre Lebensgrundlage verlieren.“

Rainer Stetter, Industrie-4.0-Experte

Die alte Autoindustrie wird es genauso erwischen wie, sagen wir, die Druckindustrie?

Es wird nicht schnipp machen, und dann fahren nur noch Elektroautos auf den Straßen. Aber es reicht ja schon, wenn erst ein Prozent, dann drei Prozent, dann zehn Prozent der Fahrzeuge ersetzt werden. Und ja, das ist wie in der Druckindustrie. Erst nahm der Bedarf an Druckgütern kontinuierlich ab, und dann kamen Weltunternehmen wie Heidelberg Druck, KBA,MAN Roland massiv ins Schlingern. Anstatt uns dieses Szenario vor Augen zu führen, betrügen wir uns lieber selbst.

Die Folge von all dem?

Es wird uns weggenommen, was wir bisher gemacht haben. Und nun müssen wir komplett neue Dinge machen. Industrie 4.0 bedeutet nicht, dass wir den Sensor mit der Cloud zusammenbringen. Das hat noch nichts mit Revolution zu tun – das sind Skills. Revolution heißt, dass die Unternehmen ihre Lebensgrundlage verlieren. Ich sage nur: Aufstand der Weber.

Sie meinen, die technologische Revolution wird nicht ohne soziale Verwerfungen einhergehen?

Was diesen Punkt betrifft, müssen wir dringend Bewusstsein schaffen. Nehmen Sie nur den Black Friday von 1929 der als Beginn der Weltwirtschaftskrise gewertet wird. Innerhalb von zwei, drei Jahren haben damals viele, die arbeitslos geworden sind, ratzfatz die Farbe gewechselt. Stellen Sie sich vor, unsere Autoindustrie bricht zusammen und wir haben eine neue Massenarbeitslosigkeit. Dann können wir wieder Armübungen machen.

Ich habe ein Youtube-Video von Ihnen gesehen, in dem Sie nach Lektüre des Regierungsprogramms der deutschen Regierung süffisant feststellen, dass die Politiker das Thema Industrie 4.0 mit all seinen Konsequenzen „noch nicht so ganz durchdrungen haben“. Hat sich das nicht schon verbessert? Immerhin gibt es inzwischen ein Grünbuch der deutschen Arbeits- und Sozialministerin zum Thema „Arbeit 4.0“, das sich mit den Konsequenzen für die Arbeitswelt beschäftigt. In Österreich haben Industrieverbände und Arbeitnehmervertretungen in der Plattform Industrie 4.0 einen Schulterschluss geschafft.

Ich habe den damit befassten deutschen Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit einmal persönlich kennengelernt. Das sind 84 Leute, und nur einer davon hat in seinem Leben schon einmal wertschöpfend gearbeitet. Alle anderen waren Juristen, Philologen, Banker, was auch immer. Diese Papiere sind wertlos, weil die damit befassten Experten keine Ahnung haben, wie das reale Leben funktioniert. Wenn sie von Werkverträgen reden, denken sie an einen Schlachtarbeiter, wenn sie von einem Dienstvertrag reden, denken sie an einen Pförtner. Wow, wie innovativ!

Sie meinen, man müsste das Arbeitsrecht nicht nur entrümpeln, wie es überall heißt, sondern vom ersten Paragrafen weg neu schreiben. Alle Arbeitszeitregeln, Ruhebestimmungen usw.

Genau. So etwas wie mich gibt es in der Wahrnehmung dieser Experten nicht einmal. Darum habe ich mir vorgenommen, dass ich nur noch das sage, wovon ich glaube, dass es stimmt – unabhängig davon, ob es dem Publikum gefällt oder nicht. Ich sage meinen Studenten immer: „Auf welcher goldenenTafel steht, dass es Mitteleuropa auf Dauer signifikant besser gehen muss als dem Rest der Welt?“ Da schauen mich dann die meisten fassungslos an.

Kann man mit Ausbildung und Qualifikation da eigentlich noch gegensteuern?

Mir fällt nicht ein, was sonst wirken könnte. Ich arbeite auf allen Ebenen, vom Kindergarten bis zu den Topentscheidern. Das Schwierige ist: Wir müssen etwas tun, was wir noch nie getan haben. Und weil Gefahr in Verzug ist, müssen wir an allen Stellen gleichzeitig anfangen. In infinitesimal kurzer Zeit ändert sich maximal viel, wir müssen ein Notprogramm starten.

Wie soll ein Bildungs- und Ausbildungssystem ausschauen, das in die Gesellschaft passt und ihre Mitglieder auf das vorbereitet, was Sie geschildert haben?

In Ihrer Frage haben Sie eine Nebenbedingung eingebaut, gegen die ich opponiere. Es geht nicht darum, dass etwas „in die Gesellschaft passt“. Das ist, als würden Sie sagen: „Wir müssen ein bisserl besser werden.“ Das Neue muss aber nicht in das Alte hineinpassen. Wir können die anderen nur überholen, wenn wir die Spur wechseln. Da tun wir uns in unserer Gesellschaft sauschwer.

Gut, wie muss ein Bildungssystem ausschauen, das auf die Überholspur führt?

Die Mitarbeiter in der Industriegesellschaft 4.0 brauchen in jedem Fall einmal Freiraum, sie müssen generationen- und disziplinenübergreifend zusammenarbeiten, und es darf keine Hierarchien geben. Das ist im Prinzip ein biologischer Haufen, der sich selbstrüttelt. Die Organisation ist vernetzt und chaotisch. Das ist komplett anders als das, was wir gewohnt sind. Wenn ich mit jungen Leute rede, sage ich am Beginn immer: „Ich gehe davon aus, dass ihr erwachsen seid.“ Der Rest ergibt sich aus der Aufgabenstellung.

Erst die Aufgabenstellung, dann die Organisationsform?

Genau. Das hat wiederum etwas Revolutionäres an sich.

„Die Digitalisierung verläuft schnell und radikal.“

Rainer Stetter, Industrie-4.0-Experte

Sie entwickeln neue Ausbildungskonzepte und setzen diese unter anderem mit der FH Technikum Wien um.

Die Digitalisierung verläuft schnell und radikal. Für die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte bedeutet dieser Ansatz, dass Ingenieurwissenschaft, IT und Elektronik stärker zusammenarbeiten müssen. Neben dem fachlichen Know-how müssen Fachkräfte ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität und Motivation mitbringen.

Wie bringt man Menschen diese Fähigkeiten bei?

Kennen Sie den Film „Apollo 13“ mit der berühmten Szene „Houston, we have a problem“? Das ist der erste „Hackathon“ der Welt – eine experimentelle Situation, die wir auch für Studenten nachstellen. Sie müssen in vorgegebener Zeit mit bestehendem Equipment eigene Roboter bauen und programmieren. Die jungen Leute schlafen kaum und bringen sich um vier Uhr früh schon mal eine neue Programmiersprache bei. Auch die Crew der Apollo hatte eine definierte Zeit, einen definierten Handlungsrahmen und eine halbwegs spezifizierte Aufgabe: Wir müssen überleben.

Was ist der Industrie-4.0-Aspekt bei Ihren Ausbildungskonzepten?

Wir haben zum Beispiel in unserem Innovation Lab auf Gran Canaria zwei Teams, die sich nur wenige Male gesehen haben, zu einem gemeinsamen Team gemacht. Diese Teams hatten sich nur über digitale Medien miteinander abgestimmt und unabhängig voneinander entwickelt. Dann haben sie sich getroffen, ihre Sachen auf den Tisch gestellt, zusammengesteckt – und es hat funktioniert. Die Teams haben nach der gleichen Philosophie gearbeitet, es gab keinen Ober oder Unter, das Prinzip war: Wir gewinnen nur, wenn wir auf Augenhöhe agieren. Keine Hierarchien mehr, nur noch Vernetzung. Und genau das wollen wir auch in Zukunft üben. Nehmen Sie Usain Bolt: Er läuft sechsmal im Jahr seine 100 Meter, aber er trainiert das ganze Jahr – und er trainiert nicht nur Laufen, sondern auch Kraft, mentale Stärke usw. Darum geht es auch bei Industrie 4.0: Nur vom Sofa aus, vielleicht mit ein, zwei Bier intus, lässt sich in der Praxis nichts erreichen.

Rainer Stetter

Rainer Stetter wurde 1963 geboren, studierte Maschinenbau an der Technischen Universität München (TUM) und promovierte am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften (iwb) unter der Führung von Prof. Joachim Milberg (von 1999 bis 2002 Vorstandsvorsitzender und von 2004 bis 2015 Vorsitzender des Aufsichtsrats der BMW AG). Seit 1997 ist Stetter Geschäftsführer der Software Factory GmbH und der ITQ GmbH. 

Bis 2006 war er Gründungsvorstand des Fachverbands Software, seit 2002 ist er Mitglied des Ausschusses Forschung & Innovation im Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA), seit 2004 Mitglied im Lenkungskreis der Fachgruppe Automatisierung des ASQF sowie seit 2007 Beiratsmitglied des Clusters Mechatronik & Automation e. V. Er ist beratend für die deutsche Bundesregierung tätig, beispielsweise zu Arbeitsrecht und industrieller Realität. 

Seit fast 15 Jahren engagiert sich Rainer Stetter für interdisziplinäre Projekte mit Universitäten, um Studenten eine praxisnahe und industrietaugliche Ausbildung zu vermitteln. 2011 gründete er die Stiftung „Technik macht Spaß“ mit dem Ziel, die Jugend mehr für Technik zu begeistern und Wirtschaft und Ausbildung besser zu vernetzen. Die ITQ GmbH ist ein Kooperationspartner der FH Technikum Wien.