Gudrun Kinz, technische Mathematikerin

Die Karriere der Oberösterreicherin Gudrun Kinz ist ein Lehrbeispiel dafür, wie wenig Stärken und Potenziale in unserem Schulsystem mitunter erkannt und gefördert werden. Nach wenig zufriedenstellenden Noten in der Unterstufe des Gymnasiums absolvierte die damals 15-Jährige die Lehre zur Werkzeugmacherin bei den Aluminiumwerken in Ranshofen. Nachdem ihr Arbeitgeber in Konkurs gegangen war, entschied sie sich mit 27 Jahren, in Wien an der Technischen Universität Mathematik zu studieren. „Ich habe ja Gott sei Dank durch die Schule noch keinen Schaden davongetragen. Mathematik und komplizierte technische Zusammenhänge haben mich immer interessiert, mein Schulzeugnis spiegelte das aber nicht wider“, erzählt Kinz. Nach einem herausfordernden Start absolvierte sie das Studium letztendlich in Mindeststudienzeit und mit Auszeichnung.

Heute spielt sie mit mathematischen Modellbildungen und Simulationen eine Schlüsselrolle für die Produktion von morgen. „Als Analysis Engineer arbeite ich mit den Konstrukteuren, Softwareingenieuren und Maschinenbauern eng zusammen. Diese Disziplinen verschränken sich zunehmend. Meine Aufgabe ist es, die Mechanik von Bauteilen oder Gesamtsystemen mathematisch darzustellen und sie nach zig Parametern zu simulieren. Die Ergebnisse stelle ich für den Kunden in Visualisierungen dar und kann so sehr genau sagen, wie ein Bauteil in einer bestimmten Situation reagieren wird. Meine konkreten Verbesserungsvorschläge fließen dann in die Konstruktion ein.“ Kinz’ Hauptmotivation ist, die Sicherheit und Umweltfreundlichkeit von Fahr- oder Flugzeugen zu verbessern.

Ein Projekt, an dem sie lange gearbeitet hat – „das aber mathematisch nicht meine größte Herausforderung war“ –, ist der A380, das größte Passagierflugzeug der Welt. „Es gibt hunderte bis tausende Belastungssituationen beim Betrieb eines Flugzeugs, für die Simulationen für alle Bauteile durchgeführt werden müssen. Meine Arbeit konzentrierte sich auf Teile in den Flügeln. Diese habe ich übrigens nie physisch gesehen, sondern immer nur als mathematisches und damit virtuelles Modell. Und auch den A380 sehe ich heute das erste Mal in Realität. Aber ich wusste ja, dass er fliegen kann.“

Mehr und bessere Daten werden ihre Aufgabe in Zukunft bestimmen. Heute sei es zwar deutlich leichter, an Daten zu kommen, aber für bessere Simulationen brauche man auch noch höhere Rechnerkapazitäten, so Kinz. Für nichtlineare Systeme wie etwa Roboter seien komplexere Gleichungen nötig, für deren Lösung ständig neue Rechenverfahren entwickelt werden müssten.

„Unser tägliches Brot ist das Coding. Die technische Mathematik wird mit komplexeren Systemen an Bedeutung gewinnen und wir brauchen mehr Leute. Die kritische Masse ist noch lange nicht erreicht.“

Kinz lektoriert an der FH Technikum Wien im Studiengang Maschinenbau. Aufbauend auf dem Bachelor startet im Herbst 2017 ein Masterstudiengang, der sich auf den Gesamtprozess der digitalisierten Produktentwicklung, von der Ideenfindung bis zu Konstruktion, Berechnung und Simulation, konzentriert und so IT-Know-how und maschinenbauliche Spezialisierung verbindet.

Berufe mit Zukunft

Es werden mehr Fachkräfte als je zuvor in den Zukunftsfeldern der Elektro- und Elektronikindustrie gesucht. Treiber ist die Digitalisierung in der Industrie. In der Serie „Berufe mit Zukunft“ stellen wir Menschen vor, deren Berufe in Zukunft enorm an Bedeutung gewinnen werden.

Gudrun Kinz (46)

  • Job: Analysis Engineer
  • Ausbildung: technische Mathematikerin
  • Arbeitsort: Wien